Macht Zucker süchtig?

„Nein“, würden da viele Menschen behaupten, „ich könnte sofort aufhören Zucker zu konsumieren!“. Und dennoch ist dies leichter gesagt als getan.

Neben der körperlichen Yoga-Praxis ist auch die Ernährung wichtig, wenn wir gut für uns sorgen wollen.

Ich selbst entschloss mich vor einigen Jahren den Zucker, aufgrund einer Hautproblematik, komplett von meiner Nahrungsliste zu streichen. Drei Monate wollte ich die direkte Einnahme, süße Früchte und gezuckerte Lebensmittel vermeiden. Prinzipiell ernährte ich mich zwar damals schon relativ gesund und aß sowieso nur ab und zu Zucker, doch irgendwoher musste mein Hautleiden ja kommen.

Erstaunt beobachtete ich mich dann während der ersten Tage.

Es kam immer wieder vor, dass mein Körper mir ein starkes Bedürfnis nach Süßem suggerierte. Ich verspürte einen innerlichen Trieb, mich damit zu „beglücken“. Zudem bemerkte ich einen Hang zur schlechten Laune und war wesentlich schneller genervt. Doch der Wunsch mein Hautbild zu verbessern war größer und ich hielt durch.

Und dann nach zwei Wochen waren jegliche „Entzugs“ Erscheinungen einfach verschwunden. Ich kam mir vor, als ob ich mich von einer Sucht befreit hätte und wurde neugierig was es damit auf sich hat.

Ein Blick in die Vergangenheit

Zucker war niemals in solch konzentrierter Form vorhanden, wie der Mensch diesen heute konsumiert. Ursprünglich fand man süße Nahrungsmittel selten und vor allem nur zur Erntezeit. Und Honig wurde von Bienen geschützt. Heute jedoch wären dreiviertel des Supermarktes leer, wenn man alle Produkte die Zucker enthalten aus den Regalen nehmen würde.

„Nature made sugar hard to get; man made it easy!“ (Lustig et al.2012)

Zusätzlich vermittelt uns der süße Geschmack evolutionär, dass ein Nahrungsmittel viele Kalorien beinhaltet. Damals strebten wir sinnvollerweise nach solchen Nahrungsmitteln, um gut mit Energie versorgt zu werden. Schnelle direkte Energie wird und wurde dann vom Gehirn durch die Ausschüttung von Glückshormonen, wie zum Beispiel Dopamin, belohnt. (1)

Der Teufelskreis

Schnell spendet uns der Zucker Energie und wir fühlen uns großartig. Doch ebenso schnell ist dieses kleine Hoch auch wieder vorbei und wir verspüren meist kurze Zeit danach Abgeschlagenheit und Müdigkeit, außer wir konsumieren erneut Zucker. Unser Körper gibt uns klare Signale, hoffend auf die abermalige Belohnung und das Hochgefühl.

Dass dieses ständige Auf und Ab und die Menge an konsumiertem Zucker mit der Zeit negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben, ist mittlerweile vielen Menschen bekannt.

Doch sind wir uns wirklich alle bewusst wann wir Zucker konsumieren?

 

In einer Dokumentation, (Voll Verzuckert – The Sugar Film) die 2014 erschienen ist, macht ein Mann einen Selbsttest. Er hat sich viele Jahre völlig ohne Zucker ernährt und will der Gesellschaft nun beweisen, wie sich Zuckerkonsum tatsächlich auf uns auswirkt. Durch seine lange Abstinenz ist er die optimal sensible Versuchsperson. Er will am Tag so viel Zucker konsumieren, wie ein Mensch in den USA täglich durchschnittlich zu sich nimmt. Laut den Antworten seiner Ernährungsexpertin sind das 40 Teelöffel Zucker pro Tag. Diese Menge möchte er nur mit als „gesund“ deklarierten Lebensmitteln aufnehmen. Zu Beginn glaubt er das wäre schwer. Doch weit gefehlt. Unsere Nahrungsmittel sind meist weitaus mehr gezuckert als wir annehmen.

4 Gramm Zucker in einem Lebensmittel entsprechen in etwa einem Teelöffel Zucker.

Ich entdecke 5 Teelöffel Zucker in meinen Bio Baked Beans und 6 Teelöffel Zucker in meiner Bio Tomatensoße. Die Vorstellung ich würde diese Menge zu meiner selbstgekochten Soße aus frischen Tomaten hinzufügen ist irritierend.

Die WHO empfiehlt pro Tag sechs Teelöffel Zucker nicht zu überschreiten. (2)

Ein durchschnittlicher Europäer konsumiert am Tag in etwa 19-25 Teelöffel Zucker. (1) Ich bin völlig überrascht von solchen Mengen.

Der Film geht weiter und endet damit, dass der Proband nach drei Monaten mehr als sechs Kilo zugenommen hat und kurz vor einer Fettleber steht. Zudem fühlt er sich am Rande einer Depression. Und das alles, obwohl er trotz seiner Nahrungsumstellung sein tägliches Sportprogramm weiterhin durchgeführt hat.

Erleichtert endlich etwas ändern zu können, streicht er nach der Versuchszeit den Zucker wieder aus seiner Ernährung und beschreibt schlimme Entzugserscheinungen mit lang anhaltenden, starken Kopfschmerzen in den ersten zwei Wochen.

Ich fühle mich nach dem Ansehen des Films bestätigt, der Mann hat ähnliche Erfahrungen beim Zucker Entzug gemacht wie ich. Und trotzdem liest man in Zeitungen: „Es gibt keine Zuckersucht!“(6)

Wie kann das sein, frage ich mich, wenn selbst Experten öffentlich propagieren, dass Zucker wie eine Droge wirkt?

 

Betrachten wir die Definition einer Sucht nach der Weltgesundheitsorganisation (3) einmal genauer. Als abhängig wird jemand bezeichnet, der:

  • das Bedürfnis hat den Drogengebrauch fortzuführen
  • sich die Droge unter allen Umständen beschaffen möchte
  • eine Tendenz aufzeigt die Dosis zu erhöhen
  • psychisch und/oder physisch von der Droge abhängig ist
  • sich selbst oder der Gesellschaft damit schadet
  • die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert

Eine wissenschaftliche Studie von 2008 beweist, dass genau solche Symptome (Übermäßiger Verzehr, Depression, Ängste…) bei regelmäßigem Verzehr von Zucker auftreten. Es entstehe eine neurochemische Anpassung, die sich im Köper genauso auswirke wie die Folgen der Einnahme von Opiaten. Dies zwar in viel schwächerer Ausprägung, aber man müsse trotzdem von „Abhängigkeit“ sprechen. Zucker kann laut dieser Studie zu einer Sucht führen. (4)

Und auch in der renommierten wissenschaftlichen Zeitung Nature wird 2015 ein Artikel mit der Überschrift betitelt: „What drives sugar addiction“ – Was steuert Zucker Abhängigkeit?

Bestimmte Neurone im Gehirn sind entdeckt worden, die bei einer Zuckersucht überaktiv sind und für einen erhöhten Konsum sorgen. (5)

Zuletzt stellt selbst der Ernährungsexperte Prof. Robert H. Lustig Zucker auf die gleiche Stufe wie Alkohol, denn der Zucker erfülle ähnliche Kriterien. Er sei giftig, hätte ein Potential Abhängig zu machen und einen negativen Einfluss auf die Gesellschaft. (1)

Wieso leugnen die Medien nun sogar bei wissenschaftlichen Evidenzen immer noch die Möglichkeit einer Abhängigkeit von Zucker?

Ich sehe mir einen solchen Artikel einmal genauer an. (6)

Die Begründung: Zucker wirke nicht psychotrop, der Zucker Konsum würde einem nicht entgleiten und beim Zucker Konsum wären die festgelegten Kriterien einer Sucht nicht erfüllt. Der Experte bezieht sich hierbei auf die ICD 10 (internationale Klassifikation Psychischer Störungen).

Welche Kriterien sind das nun wieder? Ich forsche nach
  1. Ein Zwang oder starker Wunsch das Suchtmittel zu konsumieren
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung oder der Menge des Konsums
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom nach Beendigung oder Reduktion
  4. Eine steigende Toleranz, das heißt die Menge muss stetig erhöht werden
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen, erhöhter Zeitaufwand und Zeitplanung um das Mittel zu beschaffen
  6. Anhaltender Gebrauch trotz des Nachweises, dass über einen längeren Zeitraum hinweg körperliche Schäden entstehen

Mindestens drei von diesen sechs Kriterien müssen laut dem ICD erfüllt sein, damit eine Sucht vorliegt. (7)

Ich wundere mich über die Aussage des Experten aus der Zeitschrift, denn für mich sind hier, mehr als drei Kriterien erfüllt.

Des Weiteren finde ich diverse Foren, Artikel und Bücher im Netz mit Titeln wie: „Der Zuckersucht entkommen“, „Zuckersucht loswerden“, „Zuckersucht bekämpfen“ usw.

Ich bin nun überzeugt: Zucker kann süchtig machen!

 

Es ist eine dieser Süchte, die von Teilen der Gesellschaft gut gedeckt wird, da der Absatzmarkt von Zucker wahrscheinlich einer der größten der Welt ist und nicht nur Firmen sondern auch Staaten davon profitieren. Ganz zu schweigen von der Pharmaindustrie und den Krankenanstalten, die dann in zweiter Linie erneut abkassieren, wenn sich der Mensch krank gegessen hat.

Hier hilft also nur die Eigenverantwortung. Ich verbanne nun alle Fertigprodukte aus meinem Schrank. Ich möchte ab jetzt selbst darüber entscheiden können, wie viel Zucker ich am Tag konsumiere.

 

Quellen:

 

  1. Robert H. Lustig et al., The toxic truth about sugar. Nature 482, p. 27 – 48 (02 Februar 2012)
  2. https://www.dge.de/fileadmin/public/doc/ws/position/DGE-Position-WHO-Richtlinie-Zucker.pdf (abgerufen am 28.07.2016, 14:04)
  3. http://www.uni-regensburg.de/universitaet/arbeitskreis-sucht/was-ist-sucht-/index.html (abgerufen am 28.07.2016, 13:30)
  4. Nicole M. et al., Evidence for sugar addiction: Behavioral and neurochemical effects of intermittent, excessive sugar intake. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 32, p. 20 – 39 (200).
  5. What drives sugar addiction. Nature 518, p. 8 (5 Februar 2015)
  6. http://derstandard.at/1360681654569/Zucker-macht-nicht-suechtig-oder-zuckerkrank (abgerufen am 27.07.2016, 23:56).
  7. Sucht und Drogenberatung Oberhessen: http://www.suchtmr.de/index.php?id=140 (abgerufen am 28.07.2016, 9:02).

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